Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource
Das Kunsthaus Kaufbeuren zeigt die erste institutionelle Einzelausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Julia Lübbecke im süddeutschen Raum. Julia Lübbecke arbeitet mit skulpturalen Installationen, Fotografie, Text sowie Video und performativen Elementen. Ihre künstlerisch-forschenden Projekte nehmen ihren Ausgang meist in Archiven oder Bibliotheken. Archivmaterialien und Reproduktionen befragt sie kritisch daraufhin, wie sich Machtverhältnisse sowohl in Archive als auch in Körper einschreiben. In ihren Recherchen zur Darstellung feminisierter Arbeit, zu historischer Kontinuität institutioneller Gewalt in der Medizin oder über das Recht auf körperliche Selbstbestimmung interessiert sie insbesondere das Verhältnis zwischen den informativen und den emotionalen oder auch affektiven Dimensionen von Wissen. Die umfangreiche Einzelausstellung „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch“ zeigt drei fortlaufende Werkreihen erstmals gemeinsam. Dafür adaptiert die Künstlerin die Installationen spezifisch für den Raum und entwickelt sie weiter, sodass diese im Ausstellungsraum in ihren Bezügen und Verweisen zueinander lesbar werden.
Die Werkserie Kleber und Falten (seit 2023 fortlaufend) befasst sich mit der Materialität und Haptik in Archiven politischer Bewegungen. In den dort versammelten Archivalien über die Kämpfe um das Recht auf Abtreibung, Kinderbetreuung oder faire Löhne spiegeln sich die prekären Bedingungen, unter denen die Bewegungen arbeiten und ihre Geschichte dokumentieren, wider – in Form von Sonneneinstrahlung, Schweißablagerung oder Materialrückständen. Diese Verschränkung von Materialien und politischen Kämpfen sowie die eigene körperliche Präsenz im Archiv übersetzt Julia Lübbecke in eine raumgreifende Konstruktion in Form eines begehbaren Leporellos, in dem fotografisch-skulpturale Arbeiten eingespannt, hängend oder liegend gezeigt werden.
Die Installation Weiche Knie (seit 2021 fortlaufend) beschäftigt sich mit widerständigem Wissen und Praktiken der Selbsthilfe. Sie umfasst eigene Fotografien der Künstlerin von zwischenmenschlichen Gesten als auch Material aus Recherchen in queer*feministischen Archiven. In diesen sind die historische Kontinuität von Gewalt im Zusammenhang mit institutioneller Fürsorge ebenso dokumentiert wie widerständige Praxen; so zum Beispiel die ersten feministischen Gesundheitszentren der 1970er Jahre, Erste-Hilfe-Handbücher zum Umgang mit Polizeigewalt oder Ratgeber zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften.
In der Video-Lecture-Serie Slight Discomfort (seit 2017 fortlaufend) stellt der eigene Computerbildschirm oder Desktop als subjektives Interface den Ausgangspunkt dar. Mittels Bildschirmaufzeichnungen reflektiert Julia Lübbecke das Suchen und Generieren von Wissen und Erzählungen. Die Serie beschäftigt sich mit neoliberalen Auswüchsen wie Ivanka Trump’s #womenwhowork, Kathy Ackers Begeisterung für das Fragmentieren von Körpern, McKenzie Warks Analyse des Cis Gaze oder Jack Halberstams Untersuchungen dazu, wie die Morphologie des eigenen Körpers beeinflusst, welche Räume wir benutzen (dürfen). Dabei prägen Fehler, Interruptionen und Inkongruenzen den Schnitt und die visuelle Komposition der Lectures. Inwiefern können solche Glitches andere Orte, Bewegungen und Blickrichtungen schaffen, in denen normative Körperpolitiken unterwandert, verweigert und verlernt werden?
Julia Lübbecke ↓
Julia Lübbecke (* 1989 in Gießen) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten van Antwerpen, an der Akademie für Kunst, Architektur und Design Prag sowie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. 2020 nahm sie am postgradualen Programm des Goldrausch Künstlerinnenprojekts teil. Sie ist Preisträgerin des IKOB - Kunstpreises für feministische Kunst 2019 und war 2022 Dorothea Schlegel Artist in Residence der Freien Universität Berlin. Des Weiteren erhielt sie Stipendien unter anderem des Berliner Senats sowie der Stiftung Kunstfonds. Ihre jüngsten Arbeiten wurden vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden (2024) und dem Kulturbüro der Stadt Hannover (2025) in Auftrag gegeben. Sie hat international im Museo de la Memoria y los Derechos Humanos in Santiago de Chile, beim Busan International Photography Festival, im Kunsthaus Essen, im Künstler:innenhaus Bremen, im Kunstverein Tiergarten in Berlin und im IKOB - Museum für zeitgenössische Kunst in Eupen (BE) ausgestellt. Sie ist seit 2019 Teil des Kollektivs otc – observant thick conversation, das 2024 das Jahresstipendium des Künstler:innenhauses Lauenburg erhielt und unter anderem in der Lothringer 13 Halle in München, im Kunstverein Göttingen und in der Vunu Galerie in Košice (SK) ausgestellt hat.
Julia Lübbeckes künstlerische Praxis umfasst skulpturale Installationen, Fotografien, Textarbeiten, Video und performative Elemente. Thematischer Fokus ihrer Arbeiten sind die Wechselwirkungen von Körper, Institution und Affekten. Dabei untersucht sie gesellschaftliche Ordnungsstrukturen und entwickelt künstlerische Verfahren, um deren Fragilität sichtbar zu machen. Über ihre eigene Praxis sagt sie: „Ich arbeite seit einiger Zeit mit dem Begriff des "subjektiven Archivs", da er meine Arbeitsweise gut beschreibt: das Destabilisieren von hierarchischen Machtstrukturen. Normalerweise gilt ein Archiv als eine Institution, die von einem objektiven Blickwinkel ausgeht. Das möchte ich hinterfragen. Das subjektive Archiv ist meine persönliche Sammlung und die Einladung, zu diskutieren, ob die Institution Archiv nicht per se immer subjektiv ist.“
Förderung der Ausstellung durch
Das Programm des Kunsthaus Kaufbeuren wird unterstützt durch