Mit über 80 Exponaten präsentierte das Kunsthaus Kaufbeuren erstmals in der Region eine thematische Werkschau zur Kunst von Außenseitern, Grenzgängern und Autodidakten mit künstlerischem Potential. Charakteristisch für die meisten Werke ist die Unabhängigkeit ihrer Entstehung und die Losgelöstheit ihrer Schöpfer von jeder Art des Akademismus: Ohne Kenntnis künstlerischer Techniken und abseits der kunsthistorischen Tradition entwickeln sich autonome, höchst individuelle künstlerische Ausprägungen, die sich in eindrucksvollen Bildwerken manifestieren.

Der Zugang zu den Bildwerken von Menschen, die aufgrund ihrer geistigen, seelischen oder nervlichen Verfassung aus der gesellschaftlichen Norm herausgefallen sind, ist uns heute nicht zuletzt durch den Surrealismus und den magischen Realismus wesentlich erleichtert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Künstler eine imaginäre Phantasiewelt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des künstlerischen Ausdrucks zur Darstellung bringen und wir wissen, dass für die Phantasie und den Traum, aber auch für Halluzinationen und Wahngedanken, andere Regeln gelten als für das realitätsbezogene rationale Denken. – Die starke Faszination, die von vielen Werken psychisch Kranker ausgeht, rührt von der Unmittelbarkeit des bildnerisch Ausgedrückten her. Dennoch ist es die Veränderung formaler Strukturen etwa in Gestalt einer abstrakten Symbolisierung, der ornamentalen Stereotypisierung, Schematisierung, Geometrisierung, der randvollen Bildüberladung oder der verschrobenen Kombination völlig unterschiedlicher Elemente, die uns die Werke psychotischer Menschen oft schwer verständlich machen.

Ziel der Ausstellung war es, das hohe gestalterische Niveau von Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu vermitteln und die Werke aus dieser Produktion aus der Randnische herauszuholen, die ihr bis heute noch weitgehend zugewiesen wird. Die Auswahl der Werke spannte den Bogen vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. – Zahlreiche Leihgaben aus der Heidelberger Sammlung Prinzhorn, die weltweit als eine der umfangreichsten und qualitätvollsten Sammlungen zur Kunst von Außenseitern gilt, boten Einblicke in die faszinierenden Eigenwelten von acht Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen und noch nicht im Zusammenhang mit kunst- und beschäftigungstherapeutischen Maßnahmen entstanden sind. Zu jener Zeit galten den Nationalsozialisten Abstraktion und die Umgehung konventioneller künstleri­scher Ausdrucksformen als „entartet“ und als Beweis für die Minderwertigkeit ihrer Schöpfer: Von den acht Künstlern aus der Sammlung Prinzhorn, deren Werke in der Ausstellung präsentiert werden, fielen fünf im Rahmen des Euthanasieprogramms dem nationalsozialistischen Massenmord zum Opfer.

Der Fokus der Ausstellung lag jedoch auf der künstlerischen Produktion der vergangenen 30 Jahre aus dem Kontext des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren. So vereinte die Ausstellung Werke bekannter Hauptfiguren der Außenseiterkunst wie Dietrich Orth und Wolfgang Hueber, die zu den wenigen Ausnahmen gehören, deren Schaffen weltweit in Museen und Galerien ausgestellt wurde, mit dem Schaffen kaum bekannter Künstler, deren Werke erstmals einem breiten Publikum vorgestellt wurde. (Kurator: Jan T. Wilms)

Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit Beiträgen von Anne-Marie Bonnet, Carolin Koch, Julia Krings, Thomas Röske und Jan T. Wilms sowie zahlreichen Farbabbildungen.

© Kunsthaus Kaufbeuren

Kooperation – Stadtmuseum Kaufbeuren

Parallel zur Ausstellung „KUNST UND STIGMA“ zeigte das Stadtmuseum Kaufbeuren die Ausstellung „In Memoriam. ‚Euthanasie‘ im Nationalsozialismus“. – In der Ausstellung wurden anhand von Schriftstücken, Fotografien und Videointerviews mit Zeitzeugen die verschiedenen Phasen des NS-Vernichtungsprogramms dargestellt. Die Dokumente zeigten auch unterschiedliche Opfergruppen, die Reaktion von Angehörigen sowie die Haltung der Ärzte und die Auseinandersetzung in der Nachkriegszeit.

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